Hallo,
in einem Artikel, den ich dieser Tage im Original auf
https://community.documentfoundation.org/t/from-the-machine-room-of-tdf-opening-bank-accounts/13464
veröffentlicht habe, und den ich euch hier in deutscher Übersetzung zur
Verfügung stelle, möchte ich euch Einblick geben, wie schwierig es ist,
als internationale Stiftung Bankkonten zu eröffnen.
Das klingt zwar einfach, ist aber für alle Beteiligten ein riesiger
Papierkram.
Gesetzlicher Vertreter
Jede Organisation hat gesetzliche Vertreter. Bei TDF ist das der
Vorstand als gesetzlicher Vertreter, der die Verantwortung trägt. Gemäß
unserer Satzung kann der Vorstand auch Vollmachten an Einzelpersonen
erteilen, aber die letztendliche gesetzliche Vertretung und die einzigen
Personen, die in den offiziellen Dokumenten aufgeführt sind, sind die
Vorstandsmitglieder.
Vorschriften zur Bekämpfung von Geldwäsche
Folglich muss der Vorstand alle rechtlichen Angaben für die Eröffnung
eines Bankkontos bereitstellen, jedes Mal, wenn sich die Zusammensetzung
des Vorstands ändert. Dazu gehören:
* persönliche Adresse (Postfächer werden in der Regel nicht akzeptiert)
* Steuerstatus und Steuer-ID, oft einschließlich US-Steuerstatus, z. B.
FATCA [https://en.wikipedia.org/wiki/Foreign_Account_Tax_Compliance_Act]
* Kopie des Reisepasses
Für Letzteres ist normalerweise eine Videoüberprüfung erforderlich,
ähnlich wie bei der Überprüfung deines Mobilfunkvertrags. Dies kann
entweder persönlich oder per Videoidentifikation erfolgen. Persönlich
funktioniert das oft nur bei der Deutschen Post oder in einer Filiale
der Bank, sodass es für Vorstandsmitglieder aus anderen Ländern nicht
geeignet ist, es sei denn, sie sind zufällig ohnehin in Deutschland.
Die Videoüberprüfung hat auch ihre Tücken, ich bin nicht zufrieden
damit, wie das umgesetzt wird. Die ersten Fragen sind oft nur auf
Deutsch, während die eigentliche Videoüberprüfung oft auf Englisch
gemacht werden kann. Normalerweise schalte ich mich per Telefonkonferenz
oder Jitsi zu den nicht deutschsprachigen Vorstandsmitgliedern dazu, um
sie durch den Überprüfungsprozess zu begleiten. Es kann auch schwierig
sein, die richtige Beleuchtung und Webcam zu finden, um die Überprüfung
durchzuführen.
Einige Banken gehen sogar noch weiter und verlangen von uns als deutsche
Einrichtung, dass wir ein US-Steuerformular ausfüllen (mit dem wir
effektiv bestätigen, dass wir in Deutschland gemeinnützig sind und das
Doppelbesteuerungsabkommen gilt). Das Formular für TDF ist in der Regel
W8-BEN [https://www.irs.gov/pub/irs-pdf/fw8ben.pdf], wie das, das wir
für die App-Stores vorlegen müssen
[https://community.documentfoundation.org/t/decision-offer-appstore-libreoffice-for-a-fee/9146/5].
Leider kann es aus seltsamen Gründen oft nicht wiederverwendet werden
oder wird leicht aktualisiert, sodass wir den Vorgang mehrmals
wiederholen müssen.
Compliance
Von Zeit zu Zeit stellt die Compliance-Abteilung der Bank Fragen, um
ihren Pflichten aus den Vorschriften zur Bekämpfung der Geldwäsche
nachzukommen. Eine der seltsameren Fragen, die ich erhalten habe,
lautete: „Warum ändert Ihre Stiftung regelmäßig die Zusammensetzung
ihres Vorstands und warum haben Sie Vorstandsmitglieder aus so vielen
verschiedenen Ländern?“ Das klingt zwar ziemlich harsch, aber der
Hintergrund ist, dass die Bank ihre Risiken minimieren und die
Compliance-Vorschriften erfüllen will, die von Tag zu Tag strenger werden.
Die offensichtliche Antwort auf die obige Frage ist, dass die
Vorstandsmitglieder gemäß unserer Satzung gewählt werden und aus der
ganzen Welt kommen können, zudem schicken wir einen Link zu unserer
Satzung. Trotzdem ist es Bürokratie, und wenn man die Vorschriften nicht
rechtzeitig erfüllt, kann das zu einer vorübergehenden Sperrung des
Bankkontos führen. In diesem Fall ist es egal, ob die Fragen berechtigt
oder unberechtigt waren, wir haben dann ein Problem.
Blick in die Vergangenheit
Zum Glück verlangen die meisten Banken zwar eine physische Unterschrift
auf Papier, stellen aber zumindest ein Dokument pro Person zur
Verfügung. Einige Banken verlangen jedoch eine physische Unterschrift
auf demselben Blatt Papier. Das führt natürlich zu massiven
Mehraufwendungen und Verzögerungen, wenn man Dokumente um die ganze Welt
schicken muss. Manchmal sind FOSDEM oder LibOCon hilfreich, und wir
haben die meisten Leute vor Ort, aber der Zeitpunkt der Bankanfragen
kann seltsam sein, und die Fristen sind knapp.
Die Regeln sind nicht immer gleich
Banken scheinen Vorschriften ziemlich unterschiedlich zu interpretieren.
Während einige Banken Daten von allen Vorstandsmitgliedern verlangen,
reichen anderen nur die Daten des Vorsitzenden oder Stellvertreters und
eines weiteren Vorstandsmitglieds. Das macht unser Leben natürlich
einfacher, aber es erschwert auch die Planung, wenn die Anwendung der
Vorschriften von Bank zu Bank unterschiedlich gehandhabt wird. Dies ist
einer der Gründe, warum wir mehrere Bankkonten wieder geschlossen haben,
[https://community.documentfoundation.org/search?q=decision%20close%20bank%20accounts%20%23board-discuss]
da der administrative Aufwand einfach zu groß war.
Warum keine Vollmacht?
Eine Vollmacht würde die Dinge so viel einfacher machen. Allerdings
lehnen mehrere Banken dies, ob zu Recht oder nicht, rundweg ab und
verlangen, dass die Personen persönlich anwesend sind. Wahrscheinlich
würde eine vor einem Notar erteilte Vollmacht funktionieren, aber dann
drehen wir uns im Kreis, da dafür wahrscheinlich ein deutscher Notar
erforderlich ist, was bedeutet, dass die Personen nach Deutschland
kommen müssen.
Ein deutsches Problem?
Nein. Die Vorschriften zur Bekämpfung der Geldwäsche sind international
und auf europäischer Ebene geregelt, und ich habe ähnliche
Horrorgeschichten von anderen Organisationen gehört. Je nach Setup und
den beteiligten Banken man auf Herausforderungen stoßen oder auch nicht,
aber das zugrunde liegende Problem ist zumindest vergleichbar.
Nicht nur Banken...
...sondern auch Zahlungsabwickler für Kreditkarten verlangen ähnliche
Angaben. Seit kurzem verlangen auch Rechtsanwälte, Steuerberater,
Wirtschaftsprüfer und Notare solche Unterlagen.
Lustige Geschichte
Eine besonders lustige Geschichte ereignete sich im Sommer 2024, als wir
ein persönliches Teamtreffen in München hatten, an dem auch
Vorstandsmitglieder teilnahmen. Wir hatten zuvor eine
Videoidentifizierung versucht, aber der betreffende Reisepass war zu neu
für das System und verfügte nicht über die erforderlichen
Sicherheitsmerkmale. Die einzige Option, die die Bank anbot, war eine
persönliche Identifizierung in Deutschland.
Während wir in München waren, nutzten wir die Gelegenheit, gingen
spontan zur Bank und leisteten die Unterschrift persönlich. Es bedurfte
einiger Diskussionen, um dies zu erreichen (und es gab einige
interessante Momente, als wir in Freizeitkleidung in einer schicken
Investmentbank standen), aber schließlich klappte es.
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- [de-discuss] Aus dem Maschinenraum: Bankkonten eröffnen · Florian Effenberger
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